Erstmal räkeln und gähnen: Was wir von Tieren lernen können

Manchmal möchte ich mit meinem Kater tauschen. Er ist mir ein Vorbild an Ruhe und Gelassenheit. Das heißt nicht, dass er nicht auch mal Stress hat, weil er sich wegen eines bellenden Hundes aufregt und auf den nächsten Baum flieht, ihm die Maus entkommen ist oder ihn die Kuschelattacken unserer Kätzin nerven. Doch mir erscheint es, als ob ihn das alles nicht weiter tangiert. So als ob es nicht wert ist, über solche „Kleinigkeiten“ weiter nachzudenken. Besonders deutlich wird das, wenn er sich gerade im Catnapping-Modus befindet.

Da kann es um ihn herum noch so poltern und knallen. Er macht höchstens mal kurz seine Augen auf, checkt die Lage und dreht sich dann gemütlich um, um weiter zu dösen. Er vertraut einfach darauf, dass ihm schon nichts passiert.

Anders wir Menschen: Wenn es bei uns gerade poltert und knallt (etwa, weil wir Ärgers mit dem Chef haben oder unter Termindruck stehen), sind wir in höchster Alarmbereitschaft – selbst dann, wenn die vermeintliche Gefahr längst vorüber ist (also der Chef sich beruhigt oder der Abgabetermin verschoben hat). Zwar laufen bei Mensch und Tier in Stress-Situationen die gleich körperlichen Reaktionen ab (hoher Puls, Muskelanspannung usw.). Doch bei uns Menschen scheint er besonders lang nachzuwirken.

Zu oft ertappen wir uns dabei, uns künstlich aufzuregen (etwa, wenn wir uns an einen lange zurückliegenden Streit erinnern) und müssen feststellen: Allein die Erinnerung an ein unangenehmes Ereignis lässt unserer Puls wieder in die Höhe schnellen. Kein Wunder: Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen Vorstellung und Realität. Besser wäre es in solchen Situationen zu sagen: „Was vergangen ist, ist vergangen. Heute wird ein guter Tag, und ich kümmere mich um die Dinge, die wirklich wichtig sind.“

Dabei wissen wir längst um die schädlichen Wirkungen von dauerhaftem Stress. Und dennoch fällt es vielen von uns schwer zu erkennen, wann sich aufregen lohnt und wann nicht oder wann genug ist und wir uns wieder beruhigen sollten. Möglichkeiten dazu gibt es viele, sei es durch Sport oder Entspannungsverfahren.

Wir können es uns auch ganz einfach machen und uns im Tierreich umschauen. Das heißt nicht, dass Tiere immer ruhig und gelassen sind. Natürlich sind auch Bello und Mieze mal beleidigt und zeigen das mitunter auch sehr deutlich (etwa nach längerer Abwesenheit von Herrchen oder Frauchen). Manchmal fällt die Reaktion auch sehr deutlich aus – etwa bei einem Pferd, das in der Herde kurz nach hinten austritt, um die Rangordnung zu klären. Doch ich habe noch kein Haustier erlebt, das tagelang nicht mit uns „spricht“, weil wir uns mal im Ton vergriffen oder den Fütterungstermin nicht genau eingehalten haben. Mir scheint, dass es ist ihnen einfach zu blöd ist, nachtragend zu sein – so als ob sie wüssten, dass das Leben zu kostbar ist, um es mit Streit und Ärger zu verschwenden. Stattdessen sind sie dankbar, wenn man mit ihnen spielt, krault und mit Leckerlis verwöhnt. Sie wissen eben, Prioritäten zu setzen.

Und um zurück auf die Ausgangsituation mit meinem Kater zu kommen: Ich habe mir vorgenommen, mich in Stress-Situationen zukünftig auch erst mal zu räkeln und zu dehnen und zu schauen, ob das Ganze die Aufregung wert ist. Erinnert sei hier an den Spruch, den auch Management-Trainerin Sabine Asgodom gerne verwendet: „15 Sekunden Ärger ist Reflex. Danach entscheiden wir uns, uns zu ärgern.“ Ich habe das Gefühl, die meisten Tiere haben diesen Spruch verinnerlicht. Machen wir es ihnen nach.

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