Stress-Essen – eine Frage der Gewohnheit

Heute habe ich mich tatsächlich selbst erwischt: Mitten beim Schreiben eines schwierigen Artikels spürte ich plötzlich ein unbändiges Verlangen nach Schokolade. Wie von Geisterhand geführt stand ich auf, ging von meinem Büro ins Wohnzimmer und griff in die „Süßigkeiten-Schublade“, wo mich meine Lieblingssorte schon zu erwarten schien. Und so hat es keine zwei Minuten gedauert, bis die Tafel (glücklicherweise ein Miniformat) verputzt war. Sofort meldete sich mein schlechtes Gewissen: Musste es denn, wie so oft in letzter Zeit, Schokolade sein? Hätte ich den „Süßhunger“ nicht besser durch etwas Obst oder einen Joghurt ersetzen sollen? Als Medizin-Journalistin sollte ich doch wissen, dass es gesündere Alternativen gibt.Anscheinend hatte mich die Macht der Gewohnheit eingeholt. Und wie stark die gerade in stressigen Zeiten ist, haben jetzt US-Psychologen um David Neal von der Duke University bestätigt: Habits, Not Cravings, Drive Food Choice During Times of Stress. Sie fragten 59 Studenten, welche Lebensmittel sie aus einer Auswahl von Snacks bevorzugen. Darunter befanden sich gesunde Sachen, wie z. B. Obst, fettarmer Joghurt, Vollkorn-Kräcker, Nüsse oder Sojachips, aber auch „Ungesundes“ wie Süßigkeiten-Riegel, Popcorn mit Aromastoffen oder gezuckerte Kekse. Wie sich herausstellte, war zu Stress-Spitzenzeiten wie dem Examen die Wahrscheinlichkeit besonders groß, dass die Studenten zu ihrem gewohnten Snack griffen – egal, ob dieser gesund oder ungesund war.

Die Ergebnisse stehen im Gegensatz zu der bisherigen Annahme, nach der Menschen bei Stress automatisch zu kalorienreichen Lebensmitteln mit wenigen Nährstoffen greifen. „Gewohnheiten machen 45 Prozent des täglichen Lebens aus“, erklärt Studienautor David Neal. „Sie bringen uns dazu, rationale oder anregende Einflussfaktoren zu missachten und stattdessen durch den Kontext, automatische Handlungen, Zeitdruck und eine geringe Selbstkontrolle geleitet zu werden.“

Grund genug, gerade in stressigen Zeiten immer mal wieder inne zu halten und sich zu fragen, was man wirklich braucht (oft ist es nämlich kein Hunger, sondern etwas anderes, etwa eine kurze Pause oder ein gutes Gespräch). Ich jedenfalls habe mir fest vorgenommen, mir Schokolade (in Maßen) zwar weiterhin zu gönnen, aber diese lieber in Ruhe und bewusst zu genießen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.