Wir müssen reden!

Stress hat viel mit unseren Gedankenmustern zu tun. Den meisten von uns ist dies nicht bewusst. Dass man damit jedoch den eigenen Druck (unnötigerweise) erhöht, macht Gastautorin Sabine Dietrich am Wort „müssen“ deutlich. In diesem Beitrag zeigt die Beraterin, Trainerin und Buchautorin („Das Anti-Druck-Buch“), wie man aus dem Müssen ein Wollen machen kann. Doch lesen Sie selbst:

Ich muss Ihnen was sagen: Sie müssen gar nicht. Und damit wären wir auch schon beim Thema.

Das Wörtchen „müssen“ begleitet mich in meinem Berufsalltag als Trainerin und Beraterin wie kein zweites. Meine Gesprächspartner müssen pünktlich bei der Arbeit sein, sie müssen ihre Kinder zum Sport fahren, sie müssen einkaufen, sie müssen den Bericht fertig machen – und ja, schlafen müssen sie irgendwann auch noch.

Mit Sicherheit kennen auch Sie solche Tage und Wochen, die nur aus Müssen bestehen. Dieses Müssen ist absolut: Es macht Druck ohne Ende und führt in vielen Fällen in die Überforderung – wenn Sie es zulassen.

 

Ohne mich geht die Welt unter

Denn das Muss hat vor allem einen großen Nachteil: Alle Aufgaben, die mit ihm einhergehen, werden extrem anstrengend. Sei es, dass Sie nur zehn Minuten mit dem Hund rausgehen müssen, dann fühlt sich dieser kurze Zeitvertreib schon nach einer unheimlich lästigen Bürde an. Von größeren Projekten möchte ich gar nicht erst anfangen.

Wenn ich Menschen, die unter Überlastung leiden, dann frage, wo ihr Müssen herkommt, passiert praktisch immer dasselbe: Sie suchen die Schuld im Außen. Da ist der Chef, der immer kurz vor Feierabend noch mit drängenden Aufgaben ankommt. Dort sind die Mitarbeiter im Team, die ohne Anleitung die Orientierung verlieren. Hier sitzen die Kinder, die nach der Schule Hunger haben. Oder ein ganz beliebter Grund, irgendetwas tun zu müssen: „Sonst macht es ja keiner.“

Das möchte ich Ihnen auch gar nicht absprechen. Es stimmt schon, dass Sie manche Aufgaben ganz einfach erledigen müssen, weil Ihre Karriere, Ihr gesundheitliches Wohl, Ihre Partnerschaft davon abhängt. Doch wenn Sie genau hinsehen, merken Sie: Das sind die wenigsten.

 

Mr and Mrs Perfect

Vielmehr gibt es jede Menge Aufgaben, bei denen Sie sich das „Müssen“ selbst auferlegen. Damit sind Sie gewiss nicht alleine. Denn dahinter stecken nicht etwa äußere Zwänge, sondern innere Antreiber, die Sie über Jahre gelernt und sich antrainiert haben.

Unter Druck und Stress greifen genau diese Antreiber und lassen Sie in uralte Muster kippen. Muster, die Sie in Ihrer Kindheit und Jugend gelernt haben, weil Sie Ihnen vorgelebt oder konsequent vorgebetet wurden. Sie sind für die allermeisten inneren Antreiber verantwortlich, die uns in das „Muss“-Gefühl treiben.

Ein typisches Beispiel für ein solches Muster ist der Satz: „Ich muss perfekt sein.“ So wird jede Aufgabe zu 150 % erledigt, obwohl auch 90 % ausreichen würden. Dabei geraten körperliche Grenzen schnell in den Hintergrund und das Engagement für den Job weitet sich zunehmend mehr ins Private aus. Es gilt: Je größer der Stress, desto höher schraubt sich auch der Perfektionsanspruch.

Ein weiteres Muster verbirgt sich hinter dem Wunsch „Everybody’s Darling“ sein zu wollen. Aus Angst, die Kollegen oder den Partner zu enttäuschen und nicht mehr gemocht zu werden, gehört das Wort „Nein“ nicht zum Wortschatz dieses Strahletypen. Er oder sie möchte es jedem recht machen, „muss“ immer gerade etwas dringend tun – und vergisst dabei die eigenen Bedürfnisse.

Neben diesen gibt es einige wenige besonders häufig vertretene Muster mit ähnlicher Wirkung, die Sie sich im ersten Schritt bewusst machen sollten, um sie dann abschütteln und sich so von Ihrem Stress befreien zu können.

 

Für den Anfang

Ich will Ihnen nichts vormachen: Nach 30, 40 oder 50 Jahren mit einer bestimmten Sicht auf die Welt können Sie nicht einen Schalter umlegen und ab morgen ein neuer Mensch sein. Tiefe Prägungen lassen sich nicht über Nacht verändern. Doch Sie können mit kleinen Schritten beginnen und werden schnell Entlastung verspüren.

Immer wenn Sie spüren, dass eine Situation Sie unter Druck setzt und Stress hervorruft, sollten Sie einen Moment lang genau hinsehen: Welches „Müssen“ steckt dahinter? Oder in anderen Worten: Welches Muster greift bei Ihnen, das Sie glauben lässt, nun etwas tun oder leisten zu müssen? Sind wieder Mr oder Mrs Perfect unterwegs oder wollen Sie vielleicht gerade  wieder zu Everybody’s Darling avancieren?

Ist Ihnen dies erst klar, können Sie ganz rational reflektieren, ob Sie es tatsächlich gerade mit einer Situation zu tun haben, in der Sie wie gewohnt reagieren müssen – oder ob Sie nicht einen Großteil des Drucks rausnehmen können, indem Sie den Autopiloten ausschalten und sich bewusst für eine entspanntere Reaktion entscheiden. Und so aus dem Müssen ein Wollen machen.

Ich wünsche Ihnen: Entlassen Sie das Müssen!

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